5 Gründe warum der erste Job für viele Geisteswissenschaftler enttäuschend ist

Berufseinstieg Geisteswissenschaftler
Berufseinstieg Geisteswissenschaftler
Foto: JESHOOTS

Okay, das trifft vielleicht nicht auf jeden zu. Ich kenne auch Geistis, die sich gefreut haben, als die Jahre in Seminarraum und Bibliothek, der Krampf vom Hausarbeiten schreiben und Referate vorbereiten endlich vorbei war. “Endlich was Praktisches” haben viele gesagt. Mindestens genauso häufig gibt es allerdings Leute wie mich, denen es vor dem Abschluss graut, die Angst vor der großen weiten Welt da draußen außerhalb des Uni-Naturschutzbiotops. Wenn du diese Dinge beim Berufseinstieg als enttäuschend empfindest, bist du sicher nicht allein.

1. Es geht nicht mehr nur um dein Lieblingsthema

Wenn du, so wie ich, deinen Studiengang nach Interesse und Leidenschaft ausgesucht hast, dann hattest du das Glück, dass es jahrelang dein “Job” war, dich mit dem zu beschäftigen, was dich am meisten interessiert. Zwar gibt es ein paar wenige glückliche Geistis, die gleich nach dem Studium den Traumjob bekommen und damit weitermachen können, im besten Fall sogar für genug Geld zum Leben. Die meisten haben aber erstmal keine Wahl und müssen sich auch mal eine Weile mit Dingen befassen, die sie nicht so sehr interessieren. Vor allem dann, wenn du nicht tausend unbezahlte Praktika machen möchtest. Aber keine Sorge: Vielleicht entdeckst du dabei ja neue Leidenschaften, von denen du davor noch nichts wusstest. Oder der erste Job bereitet dich auf das vor, was du wirklich machen willst, für das dir aber vielleicht noch die Erfahrung fehlt. Die meisten Geisteswissenschaftler brauchen dafür zwar ein bisschen länger, kommen aber trotzdem früher oder später in einem Job an, der ihnen Spaß macht.

2. (Fast) alles dreht sich nur um Geld und Umsatz

Als Geisteswissenschaftler glaubt man an L’art pour l’art und das Humboldtsche Bildungsideal. Die Beschäftigung mit Kunst und Literatur einfach nur, weil es so schön ist, Bildung als Charakterbildung um ihrer selbst willen. Ganz egal wo du später arbeitest: So wird es nicht weitergehen! Denn sobald man dir Geld bezahlt, erwartet man, dass du dem Unternehmen auch Geld einbringst. Was auch immer du tust, wird ab jetzt vielleicht nicht nur, aber auch den Sinn haben, dass es in irgendeiner Form den Umsatz steigert. Selbst in der Kulturbranche und im Non-Profit-Sektor kann man das Thema Geld nicht ganz ausklammern. Irgendwie muss das Unternehmen ja überleben. Das ist für so manchen schöngeistigen Idealist ganz schön enttäuschend.

3. Du wirst aus deiner Peergroup gerissen

Du bist es gewohnt, von Leuten umgeben zu sein, die deine Interessen teilen. Mit denen du auch zwischen und nach den Seminaren über Kunst, Literatur, Philosophie oder was auch immer diskutieren. Die verstehen, wenn du Witze über Derrida und Freud reißt, die deine Ideale und Zukunftsängste teilen. Und plötzlich musst du auch mit den BWLern und ihrem hochgestelltem Hemdkragen klarkommen, über die du dich früher mit deinen Kommilitonen lustig machen konntest (an der Uni Augsburg haben wir immer scherzend vom Gucci-Hügel geredet). Oder mit den Informatik-Nerds, die dich auf den Uni-Partys immer skeptisch gefragt haben, was man mit Komparatistik oder Europäischer Ethnologie eigentlich “später mal macht”. Aber hey, jetzt wird’s Zeit, dich in Offenheit und Toleranz zu üben. Spätestens nach dem ersten Team-Event wirst du wahrscheinlich feststellen, dass deine vermeintlich seltsamen Kollegen trotz Stehkragen eigentlich schwer in Ordnung sind.

4. Die freie Zeiteinteilung fehlt dir

Bis mittags schlafen und die Hausarbeit dafür nachts mit einer Flasche Rotwein fertig schreiben. Donnerstag auf die Semester-Opening-Party gehen weil freitags sowieso keiner Seminare hat. Und mittags einkaufen gehen, wenn die einzigen Menschen im Supermarkt deine Kommilitonen und ein paar Rentner sind. Das alles wirst du in deinem ersten Vollzeit-Job schmerzlich vermissen. Nimm es nicht so tragisch! Der Vorteil, den du jetzt hast: Am Feierabend und Wochenende hast du jetzt wirklich Freizeit, dir sitzt nicht mehr ständig die noch nicht erledigte Hausarbeit oder noch nicht vorbereitete Klausur im Nacken. Ein weiterer Lichtblick: Gerade junge Unternehmen erlauben ihren Mitarbeitern immer mehr Freiheit durch Homeoffice und flexible Arbeitszeiten.

5. Die Bezahlung ist schlecht

Ein Gerücht, das leider wahr ist: Das durchschnittliche Einstiegsgehalt ist bei Geisteswissenschaftlern im Gegensatz zu vielen anderen Studienrichtungen verhältnismäßig niedrig. Viele müssen sich sogar erstmal jahrelang durch kaum vergütete Praktika und unterbezahlte Volontariate schlagen. Es kann ganz schön frustrierend sein, wenn man festgestellt, dass man trotz Einser-Master erstmal weniger verdient als eine Putzkraft. Denn außerhalb der Uni ist so ein Abschluss oft nicht besonders viel wert. Aber keine Sorge: Auch als Geisti kann man sich – wenn man denn will – meist relativ schnell hocharbeiten und auf ein angemessenes Gehalt kommen. Und ganz ehrlich: Du brauchst doch im Gegensatz zu deinen Polohemd-Kollegen Gucci und Rolex nicht.

6. Du musst deine Identität neu definieren

Jahrelang war mir klar, worüber ich mich definiere: Ich bin Studentin. Literaturstudentin. Als das plötzlich nicht mehr der Fall, stürzte ich in eine Identitätskrise. Was bin ich jetzt? Content Manager? Marketing-Beauftragte? Advertising-Business-Lady? Sowieso, berufstätig, erwachsen? Ich? Ernsthaft? Okay, ich bin jetzt seit mehr als zwei Jahren mit dem Studium fertig und all das ist immer noch nicht ganz bei mir angekommen. Aber auch hier gibt es gute Nachrichten: Zum einen ist die vermeintlich “Erwachsenenwelt” gar nicht so erwachsen, wie sie dir auf den ersten Blick erscheint. Deine Kollegen sind auch nur Menschen, die Netflix-Serien schauen, gerne mal feiern gehen und ihr Leben sowieso viel weniger im Griff haben, als es auf den ersten Blick scheint. Zum anderen: Vielleicht gefällst du dir ja in deiner neuen Identität auch ganz gut. Vielleicht klingt es auch ganz cool, PR-Voluntärin oder Content Manager zu sein. Wenn du deinem neuen Titel so gar nichts abgewinnen kannst, mach dir klar: Du bist nicht dein Job. Du bist DU, eine Collage aus all deinen Interessen, Hobbys und Leidenschaften, deinem Wissen und deiner Denkweise. Dein Job ist nur ein Teil davon, selbst wenn gerade Startups oft versuchen, dir etwas anderes weis zu machen. Aber das, was du im Studium gelernt hast, bleibt in dir, auch wenn du es gerade vielleicht nicht richtig anwendest. Und es kann dir keiner mehr wegnehmen.

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