Soll man überhaupt noch Geisteswissenschaften studieren? Wie du dich in der Uni zum Schmetterling entwickelst

Geisteswissenschaften studieren
Geisteswissenschaften studieren
Foto: David Clode

“DAS willst du studieren? Du willst wohl Taxifahrer werden!”, haben Freunde und Verwandte bestimmt gesagt, als du von deinen Plänen erzählt hast, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie, Ethnologie oder was auch immer zu studieren. Und trotzdem hast du es getan. Ein Fehler?

Contra: Das Leben als verlorener Denker

Du hast definitiv nicht den leichtesten Weg gewählt. Aus zwei Gründen. Der eine ist natürlich, ganz pragmatisch, die Jobsuche. Zwar kann ich das Gerücht nicht bestätigen, dass man als Geisteswissenschaftler Taxifahrer wird oder überhaupt keinen Job findet, aber es fordert definitiv etwas mehr Zeit, Aufwand, Kreativität und Selbstbewusstsein. Zudem sind viele Jobs für Geisteswissenschaftler schlecht bezahlt. Du wirst eventuell auch die ein oder andere Enttäuschung hinnehmen müssen, weil das real life da draußen oft nicht ganz so inspirierend ist wie die angeregten Diskussionen im Seminarraum. Aus diesem Grund gibt es meine Website. Weil ich das alles selbst durchgemacht habe und immer noch durchmache, und dir zeigen möchte, dass du nicht allein bist. Und weil ich dir helfen möchte. Indem ich dir zeige, welche Berufsperspektiven es für Geistis so gibt, wie man sich erfolgreich bewirbt, wie du dir den Berufseinstieg leichter machst.

Der zweite Grund, aus dem dein Leben nicht gerade einfach – aber deswegen nicht unbedingt schlechter – sein wird, ist, dass dein Studium dich nicht mehr loswerden wird. Nie wieder. Was du gelernt hast, wird nicht verschwinden, in dem Moment, in dem du das Buch zugeklappt, die Hausarbeit abgegeben hast, auch nicht, nachdem du dein Abschlusszeugnis erhalten hast. Es wird dich verfolgen, im guten und im schlechten Sinne. Wie bei Platons Höhlengleichnis. Wenn du die Höhle einmal verlassen und die Wahrheit gesehen hast, kannst du sie nicht mehr vergessen. Kehrst du dennoch in die Höhle zurück, wirst du auf Unverständnis treffen. Die Höhlenbewohner sind vielleicht deine Familie, vielleicht deine Schulfreunde, vielleicht dein Partner, vielleicht auch dein eigenes altes Ich. In der Entwicklung, die du durchmachst, wirst du dich vielleicht hin und wieder einsam fühlen. Die Erkenntnisse, die dir das Studium bringt, werden vielleicht auch manchmal erschreckend oder überfordernd sein und dir den ein oder anderen geistigen Muskelkater einbringen. Denn Geisteswissenschaften sind mehr als nur ein Studium. Eine Geisteswissenschaft zu studieren – richtig zu studieren – ist ein Lebensstil.

Pro: Die Welt verstehen lernen

Genau hier setzt aber auch der große Vorteil eines geisteswissenschaftlichen Studiums ein. Zwar werden dich manche der Menschen in deinem Leben vielleicht in manchen Dingen nicht mehr verstehen, andererseits wirst du aber auch viele Gleichgesinnte finden und Freundschaften fürs Leben schließen. Einen Großteil meiner besten Freunde habe ich beim Literaturstudium in Augsburg kennengelernt. Und wie es das Schicksal wollte, bin ich nun mit vielen von ihnen hier in Berlin glücklich wiedervereint.

Was den geistigen Muskelkater angeht: Er bewirkt genau das, was auch körperlicher Muskelkater bewirkt: Leistungssteigerung. Mehr Kraft. Wenn du über die Verwirrung und Überforderung geschlafen hast – oder darüber Wein getrunken hast, auch sehr effektiv. Alles nimmt plötzlich Strukturen an, die du vorher nicht gesehen hast. Du fängst an, die Welt – und dich selbst als Teil der Welt – auf eine ganz neue Art zu sehen und zu verstehen. Du lernst zu schätzen, was lernen und denken mit dir macht. Du wächst. Du entwickelst dich. Betrachte das Studium als den Cocon, indem du dich zu einem strahlend schönen Schmetterling voller Erkenntnis entwickelst. Eine einzigartige Erfahrung. Ich weiß nicht, ob mir ein anderes Studium das hätte bieten können.

Das hilft dir natürlich nicht nur für dich selbst, sondern ist im Grunde auch DER Skill, den du in Bewerbungsgesprächen verkaufen kannst. Du hast gelernt, strukturiert zu denken und diese Gedanken sowohl schriftlich als auch mündlich auszudrücken. Du hast gelernt, aus Informationsfluten das Wesentliche herauszufiltern, zu verstehen und in geordneter Form zusammenzufügen. Du hast gelernt, sinnvolle Verbindungen zwischen Dingen herzustellen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Wo man das braucht? Eigentlich überall! Wirtschaft, Werbung, Marketing, Management… die Liste an Jobs, die du trotz oder gerade wegen deines geisteswissenschaftlichen Studiums machen kannst, ist lang.

Du hast trotzdem keine Ahnung, was du später mal machen willst? Keine Sorge, dafür bin ich da! Was ich außerdem mit meinem Blog erreichen will: Dir Unterhaltsames und Nützliches zum Studienalltag liefern, Hilfsmittel an die Hand geben und – wie bereits erwähnt – dir zeigen, dass du nicht allein bist. Eine Community von selbstbewussten Geistis aufbauen, die sich von der profitorientierten Welt da draußen nicht einschüchtern lassen. Lass uns den Kapitalistenschweinen zeigen, wer wir sind und was wir können!

Geisti werden oder kein Geisti werden: Das ist hier die Frage

Meine Antwort, ob man überhaupt noch Geisteswissenschaften studieren sollte, lautet also: Ja, man soll, wenn man es aus Überzeugung tut. Und ich bereue nicht, dass ich es getan habe, aus dem oben genannten Grund. Ob ich es wieder tun würde, wenn ich mein Leben nochmal leben könnte? Ich weiß es nicht, ehrlich. Vielleicht, denn ich hätte die Erkenntnisse und Erfahrungen nicht missen wollen. Aber andererseits gibt es noch so viele andere spannende Dinge, die man studieren kann. Ich denke, ich wäre zum Beispiel auch eine gute Psychologin oder Kommunikationsdesignerin geworden. Wegen letzterem macht es mir jetzt auch so viel Spaß, diese Website hochzuziehen. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden. Das Studium war auch sicher nicht mein letzter Cocon, denn im Gegensatz zu Schmetterlingsraupen machen wir in unserem Leben auch mehr als eine Metamorphose durch.

 

Übrigens: Das Thema beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Über den Nutzen und Nachteil eines geisteswissenschaftlichen Studiums habe ich vor einigen Jahren einen Beitrag in meinem früheren Blogprojekt Erleuchtung und Enttäuschung veröffentlicht: „Die Leiden des jungen Humanisten. Nutzen und Nachteil eines geisteswissenschaftlichen Studiums“

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