5 hartnäckige Gerüchte über Geisteswissenschaftler im Berufsleben – was ist dran?

Taxifahrer
Taxi
Werden Geistis alle Taxifahrer?
Foto: Jordan Andrews

“Und was machst du mal damit?” Wenn du jedes Mal einen Euro bekommen würdest, wenn jemand diesen Satz sagst, dann wärst du vielleicht schon so reich, dass du dir gar keinen Job mehr suchen müsstest. Und mit diesen 5 Vorurteilen hast du es bestimmt auch regelmäßig zu tun. Was ist dran an den Gerüchten?

1. Geisteswissenschaftler finden keinen Job

Stimmt nicht! Einen Job zu finden kann für Geisteswissenschaftler nur etwas länger dauern und etwas mehr Kreativität und Querdenken erfordern. Denn nur wenige Jobs sind explizit für Geisteswissenschaftler ausgeschrieben. Du musst dir also selbst überlegen, welche praktischen Fähigkeiten du hast, z.B. kreative Problemlösungen finden, Events organisieren, Informationsfluten filtern und so weiter. Dann kannst du dich selbstbewusst auf Stellen bewerben, die eigentlich für Absolventen anderer Studiengänge ausgeschrieben sind. Lass dich nicht einschüchtern, wenn du vielleicht nicht 100 Prozent des angeforderten Profils erfüllst, sondern vielleicht nur 70 oder 80 Prozent. Arbeitgeber suchen oft die “eierlegende Wollmilchsau” und kaum ein Bewerber wird alle Anforderungen erfüllen. Wer weiß, vielleicht wirst du ja gerade wegen deines Studiengangs und deines damit verbundenen Exoten-Status eingestellt, denn du bringst Abwechslung, frischen Wind und neue Ideen in die alteingesessenen Strukturen. Das ist genau das, was viele Unternehmen brauchen und wollen! Selbst große Consulting-Unternehmen wie McKinsey stellen gerne den ein oder anderen Geisteswissenschaftler ein.

2. Geisteswissenschaftler verdienen schlecht

Dieses Gerücht ist leider wahr. Laut statista.com liegt das durchschnittliche Einstiegsgehalt von Studienabsolventen aller Fächer 2017 bei 43.000 Euro, bei Sprach- und Kulturwissenschaftlern ist es allerdings etwas niedriger mit etwa 41.000 Euro brutto pro Jahr. In der Medien- oder Kulturbranche ist man auch schnell mal bei weniger als 30.000 Euro. Die gute Nachricht ist, dass man sich auch als Geisti in Führungspositionen hocharbeiten und gehaltsmäßig aufholen kann. Der Grund, aus dem Geistis aber auch nach einigen Jahren Berufserfahrung oft noch verhältnismäßig wenig verdienen, ist also nicht unbedingt, dass sie es nicht könnten, sondern eher dass sie es nicht wollen. Mir zum Beispiel sind Kreativität, ein entspanntes Arbeitsumfeld und Work-Life-Balance sehr viel wichtiger als ein hohes Gehalt. Deswegen habe ich kein Interesse an einer Führungsposition.

3. Geisteswissenschaftler sind weltfremd

Naja, teilweise vielleicht. Zumindest während sie noch studieren, aber das ist ja auch irgendwie legitim. Ich betrachte die Uni gerne als eine Art wohlbehütetes Nest, in das man sich ein paar Jahre zurückziehen kann, bevor man bereit ist, seine Flügel auszubreiten und in der kalten, grausame Welt da draußen fliegen zu lernen. Ja, vielleicht ist man dann ein bisschen weltfremd, im Gegensatz zu denjenigen, die praktisch orientierte Studiengänge absolviert haben. Aber das heißt nicht, dass man das nicht aufholen könnte, auch wenn dafür vielleicht das ein oder andere unbezahlte Praktikum notwendig ist. Es gibt natürlich auch die Geistis, die es nicht dazu kommen lassen, dass man sie als weltfremd bezeichnen könnte. Sie arbeiten schon während des Studiums Teilzeit oder als Werkstudenten in für später relevante Unternehmen oder nutzen die Semesterferien für Praktika. Habe ich beides gemacht und deshalb hatte ich auch nie große Probleme, einen Job zu finden.

4. Geisteswissenschaftler haben Angst vor Zahlen und Technik

Das trifft auch nicht auf alle, aber tatsächlich auf einige zu. Viele meiner Kommilitonen waren oder sind etwas skeptisch gegenüber technischen Neuerungen. Ebooks? Bäääh, ich will Papierseiten zum Anfassen! Internetrecherche? Kann doch die gute alte Bibliothek nicht ersetzen. Content Management Systeme und HTML-Codes? Aaaaah, sowas können doch nur Informatiker! Auch was Zahlen angeht, reagieren viele Geistis allergisch. Statistiken und Excel-Tabellen lösen in Ihnen geradezu Atemnot und Fluchtreflexe aus. Zum Glück gibt es inzwischen auch einige, die sich dem gegenüber öffnen und auch die ein oder anderen digitalen Skills aneignen. Die Uni Mainz bietet inzwischen sogar den Masterstudiengang “Digitale Methodik in den Geisteswissenschaften” an.

5. Geisteswissenschaftler werden Taxifahrer

Ein guter alter Klassiker unter den Klischees. Und sicher gibt es Geistis, die nach dem Studium auf dem Fahrersitz eines Taxis landen. Aber es gibt wahrscheinlich auch Juristen, Mathematiker oder Wirtschaftswissenschaftler, bei denen das der Fall ist. Also ich persönlich kenne keinen einzigen taxifahrenden Geisti. Ich glaube, was das Gerücht uns eigentlich sagen möchte: Geisteswissenschaftler arbeiten oft in Jobs, die nichts mit ihrem Studium zu tun haben, darunter oft welche, für die man nicht unbedingt ein Studium gebraucht hätte. Und das ist wahr. Aber das heißt nicht, dass wir nicht auch Karriere machen können, wenn wir denn wollen!

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